Uncles like Them

Als ich neulich das Gerücht vernahm, die Böhsen Onkelz könnten sich wiedervereinigen, glaubte ich nicht daran. Zu groß war der Abschied damals, das Brimborium zum Abschied mit Bands wie Motörhead oder Children of Bodom als Tribute für die Onkelz 1, ich meine, das muss man sich mal vorstellen. Da vereinigt man sich eigentlich nicht so einfach wieder. Es gab ja sicher auch schwerwiegende Gründe für das Ende, sonst hätte man nicht so leichtfertig diese Ära aus 25 Jahren Musik für beendet erklärt. Aber… so täuscht man sich. Die Onkelz geben tatsächlich ein Comeback.

Die umstrittene Rock-Band kündigte nun höchst selbst und offiziell auf ihrer Website an, am 20. Juni 2014 ein Reunion-Konzert am Hockenheimring zu spielen, auf einer Rennstrecke, also quasi dort wo damals auch das letzte Konzert statt fand (Lausitzring). Bereits vor gut einer Woche hatte die Band mit einem bedeutungsschwangeren Trailer auf ihrer Homepage diesbezügliche Hoffnungen bei ihren Anhängern geweckt - jetzt ist es raus.

Ich persönlich habe die Böhsen Onkelz nie gehört, sie aber seit jeher mit einer Art abweisender Faszination beobachtet und mich erstaunt darüber gezeigt, wie erfolgreich diese doch sind und in welche Bevölkerungsschichten die Fankultur reicht. Bei der ein oder anderen Überlegung und im Vergleich mit aktuell aktiven deutschen Bands wie zum Beispiel den Toten Hosen kam mir gar die Meinung auf, die Onkelz und die Hosen würden sich zumindest in aktuellen Songs kaum unterscheiden, zumindest vom Tenor her - Freundschaft, Freunde, Dämonen, Zusammenhalt, Gemeinschaft, gegen den Rest der Welt - man achte auf den Text von “An Tagen wie diesen”, hier, und vergleiche es mit der Prosa der Onkelz.

Passend brachial ist die (neue) Website onkelz.de 2 gestaltet, ein eingebetteter Player spielt einen Teaser, ein Intro ab, welches Donner und Groll zelebriert, die Protagonisten kommen zu Wort und es wird auf etwas Großes, auf etwas Magisches eingeschworen. Soweit, so Marketing.
Was mich allerdings verwundert ist der Auftritt von Kevin Russell in diesem Video, dem wohl umstrittensten Mitglied der Band (und scheinbar auch jetzt wieder). Russell trat in der Geschichte der Onkelz vor allem als Sänger in Erscheinung und ist das sonst am wenigsten musikalisch zur Band beitragende Mitglied 3, allerdings mit den größten Problemen (seine Heroinsucht wird im Lied “H” thematisiert), die bis zur fahrlässigen Körperverletzung im Jahr 2009 reichen, als Russel mit einem Audi R8 einen Autounfall verursachte.

Am Silvesterabend 2009 verursachte Kevin Russell unter Drogeneinfluss mit 232 km/h in einem Audi R8 auf der A 66 bei Frankfurt am Main einen Verkehrsunfall mit zwei männlichen Schwerverletzten und beging anschließend zu Fuß Fahrerflucht. […] Am 4. Oktober 2010 wurde er vom Landgericht Frankfurt am Main wegen fahrlässiger Körperverletzung, Gefährdung des Straßenverkehrs sowie Unfallflucht zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und drei Monaten verurteilt. Die Fahrerlaubnis wurde ihm für vier Jahre entzogen. 4

Als Band hätte ich mich bei dieser Reunion gegen Russell entschieden und ein Zeichen gesetzt, zu negativ ist seine Attitüde, Russell ist einfach kein guter Mensch, keine coole Sau, kurzum also kein Typ den man behalten sollten. Aber auch das ist wahrscheinlich ein Teil des Onkel-Mythos: Menschen machen Fehler, Menschen ändern sich, Russell bleibt einfach.

Ziemlich eindeutig kann auch das Medien-Echo 5 gewertet werden. Der Metalhammer 6 berichtet genau so wie der Focus 7 oder die ‘Frankfurter Neue Presse’ 8 vom Comeback und vom geplanten Konzert auf dem Hockenheimring 9. Aber wundern muss es mich nicht, gelten die Onkelz doch als eine der erfolgreichsten deutschen Bands aller Zeiten - und das ganz ohne MTV oder Viva, von denen sie jeher boykottiert worden sind. Außerdem berichten sie 10 genau wie ich, ein Thema das interessiert 11.

Dabei waren die Onkelz offiziell nur ein einziges Jahr, 1981, tatsächlich rechts und traten mit eindeutigen Texten auf dem Rock'O'Rama Label in Erscheinung. Das ist lange vorbei und im Laufe der Geschichte distanzierten sich die Onkelz sogar öffentlich von rechter Gewalt und rechtem Gedankengut - für Kritiker wie mich allerdings nie gewissenhaft genug. Die Krux der Onkelz kann man ganz aktuell an einer ziemlich ähnlichen Band nachverfolgen, Freiwild. Kein Wunder also dass jene Band die Onkelz als ihre großen Vorbilder benennt.

Bisher ist nur von diesem einen Konzert die Rede, kein Album, keine weiteren Daten, nichts. Sind wir also mal gespannt wie die Bombe im Sommer diesen Jahres einschlagen wird und ob es sich rechnet, die Onkelz wieder auferstehen zu lassen - so gesehen kann dies also als ein Testballon bewertet werden, um die Marktfähigkeit nach neun Jahren Pause überprüfen zu können.

Das Ende, 2005 auf dem Lautsitzring

Neben den Onkelz als Headliner spielten am Lausitzring als Vorgruppen Motörhead, Machine Head, J.B.O., In Extremo, Psychopunch, Children of Bodom, Pro-Pain und weitere Gruppen sowie Onkelz-Cover-Bands wie die Enkelz oder Kneipenterroristen. Darüber hinaus hatten Bands wie Misfits und Turbonegro zunächst ihr Kommen zugesagt. Aufgrund des öffentlichen Drucks sprangen sie jedoch ab. Auch Marky Ramone sagte wenige Tage vor dem Konzert ab, da ihm in den Vereinigten Staaten mit Boykott gedroht wurde. Da die Onkelz an den beiden Tagen neben vielen anderen Titeln aus den vergangenen 25 Jahren auch das indizierte Stück Der nette Mann vom gleichnamigen Debütalbum spielten, führte dies zu einer Anzeige. 12

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