Shore, Stein, Papier

An dieser Stelle möchte ich einmal eine Lanze für etwas brechen, was es eigentlich schon ziemlich lange gibt. Die Rede ist von einem namenlosen Heroin-Junky1, der von seinem Leben berichtet. Zunächst tat er das vor vielen Jahren, ich glaube auch 2005 bereits2, in einem Weblog. Blogging war damals noch ziemlich fesh und fresh und so stieß ich wohl irgendwann über ihn - und erwähnte seine Seite sogar auf thafaker.de. Sein Weblog hieß demnach $ick’s Diary Of A Thug und ist seit langem schon eigentlich vom Internet vertilgt, aber die never-forgetting Wayback Machine kennt es noch.
Aber wie dem auch sei… bis ich neulich, vor zwei Wochen vielleicht erst, auf einen Youtube-Kanal namens Shore, Stein, Papier aufmerksam wurde, der von einem Anbieter namens zqnce betrieben wird. Den alten Sikkboy hatte ich seit damals eigentlich immer mal im Hinterkopf und fragte mich ab und an, was aus ihm so geworden sei. Vor allem als studierter Sozialer ™ habe ich immer ein Interesse an Berichten aus erster Hand, an Süchten und vor allem an den Menschen die dahinter stehen. Doch langer Rede kurzer Sinn…
Der Youtube-Kanal ist eben jene Fortführung des Sikkboy-Weblogs in Video-Tagebuch Form, welche -vorweg gesagt- völlig großartig ist. Man kann diese “Sendung” als die derzeit Beste im deutschen Fernsehen bezeichen - und das ganz ohne Special Effects auf RTL-Niveau. Was ich meine ist, dass die Sendung durch den Protagonisten lebt, gewinnt und großartig ist. Bleibt! Denn sie läuft noch. Jeden Mittwoch gibts eine neue Episode. Hier gehts zur Allerersten.

Erzählungen aus einem Leben inmitten von Frühstücksblech und Affen, Kokarausch und Wahn, Beschaffungskriminalität und Drogendeals, Knastschlägerei und Flucht.

Er sitzt an einem Küchentisch, vor sich ein Aschenbecher, in der Hand ein glimmender Joint. Wie er heißt, wo er lebt, wessen Küche das ist, in der er gerade sitzt: All das wird nicht verraten. „Was soll ich sagen?“, meint er, und dann beginnt er seine Geschichte zu erzählen: 1973 im Saarland geboren, in Sindelfingen aufgewachsen. Mit 13 der Umzug nach Hannover zum neuen Freund der Mutter, der ihn wissen lässt:

Deine Mutter liebe ich, aber du bist unerwünscht.

Die neuen Freunde in Hannover sind Kiffer, einer von ihnen - „der Pole“ - hat einen großen Bruder, der mit Heroin dealt. Der Erzähler ist 15, als er das erste Mal Shore3 raucht. Es sind die späten 80er Jahre, ganz Europa leidet in dieser Zeit unter einer beispiellosen Heroinepidemie.

Der Protagnist in

So beginnt die erste Staffel und sie endet damit, dass der Junge zum ersten Mal in Haft muss, verurteilt für eine ganze Serie von Diebstählen und Einbrüchen. Er ist da gerade 18 Jahre alt und bei einem Konsum von fünf Gramm Heroin täglich angelangt - mega. Alles was dazwischen liegt wird in über 50 Episoden erzählt, von dem, der es er- bzw. überlebt hat. Immer an irgendeinem Küchentisch sitzend, vor sich ein Aschenbecher und eine Kaffeetasse. […]

Der namenlose Ex-Junkie, dem man hier lauscht, ist schlicht ein grandioser Erzähler. Allein mit Worten, mit Gestik und Mimik gibt er seinen Geschichten eine Lebendigkeit, Detailfülle und Dramatik, von der so mancher „Tatort“-Regisseur nur träumen kann. Man muss an dieser Stelle den Machern der Serie großes Lob dafür aussprechen, dass sie dem außergewöhnlichen Erzähltalent ihres Protagonisten so viel Raum lassen: Auf jeglichen Schnick-Schnack wird verzichtet, das strenge, reduzierte Setting (Küchentisch, Aschenbecher, Kaffeetasse) liefert den Rahmen, in dem sich die Erzählung entfalten kann. Von Seiten der Produktionsfirma heißt es:

„Uns war das Gefühl wichtig: Er könnte auch gerade in deiner Küche sitzen.“

Ein großartiges Review kann man hier weiter lesen, aber eigentlich sollte man einfach damit beginnen, die Serie anzuschauen.

Alternativfernsehen at it’s best!


  1. Sikkboy konsumierte hauptsächlich Heroin, natürlich aber auch viele andere Drogen im Laufe der Karriere.

  2. Auch bezicht sich auf meine Weblog-Gründung die auch im Jahr 2005 statt fand.

  3. Shore ist übrigens unter Junkies ein Ausdruck für minderwertiges Heroin.

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